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Medienberichte | |
Interview mit Dieter Gorny
Dieter Gorny ist der
"Vater" des deutschen Musik-
Fernsehsenders VIVA und der weltgrößten
Musikmesse POPKOMM. Das DMEB führte mit ihm ein
Gespräch über den Beginn seiner
Karriere, "seinen" Sender und "seine"
Messe, das Verhältnis zu MTV, deutsche
Musik, Musikexport und neue Auslands-
projekte.
Wie wir gehört haben, sind Sie "U2"-Anhänger. Gilt das immer noch?
Ja, ich bin immer noch "U2"-Fan, aber im Moment liegen "Metallica" mit ihrem neuen Album bei mir auch weit vorne.
Haben Sie auch einen deutschen Lieblingsmusiker oder eine deutsche Lieblingsband?
Ach, das geht so querbeet. Nein, Liebling eigentlich nicht. Das würde ich eher auf einzelne Stücke beziehen.
Sie sind ein "alter Hase" im Musikgeschäft. Seit wann beschäftigen Sie sich mit Musik, und was haben Sie vor Ihrer Zeit als VIVA-Chef gemacht?
Ich habe mit 13 oder 14 Jahren angefangen, Musik zu machen. Das war damals nicht Klassik, sondern Rock. Ich habe dann mit etwa 17 Jahren vor dem Abitur angefangen, klassischen Klavierunterricht und Kontrabassunterricht zu nehmen, und bin dann ins klassische Studium gegangen. Ich hatte aber parallel auch rockmusikalische Erfahrungen und bin dann nach dem klassischen Studium auch wieder bei der Popmusik gelandet.
Kurz gesagt, lief es so: 1972 Abitur, 1976 erstes Examen, Anfang der Achtziger zweites Examen, dann Hochschul- und Musikschularbeit, ab Mitte der Achtziger Betreuung eines pädagogischen Streetwork-Projektes (Rock-Büro), in der zweiten Hälfte der Achtziger dann Ausweitung des Ganzen auf eine interkommunale Ebene (Rock-Büro NRW), 1989 Start der POPKOMM als eine Art pädagogisch orientiertem Kongress (einmal in Düsseldorf, dann in Köln), ab 1992 Schirmherrenwechsel der Veranstaltung vom Kultusminister zum Wirtschaftsminister, dann auch Einbindung in ein Landesprojekt vom Wirtschaftsminister. Aus der Idee "Kongressmesse und Co." wurde dann die MusikKomm. Das war dann eine GmbH, die neben der POPKOMM auch Musikförderung betreiben sollte. Ein Produkt der Grundidee "Musikwirtschafts-Strukturförderung" war dann auch die Idee zu VIVA. Zu der Zeit kamen auch die ersten Kulturwirtschaftsberichte raus, also diese Mischform aus kulturellem Produkt und Wirtschaftsfaktor. 1993 dann Konkretisierung der VIVA-Diskussion mit dem überraschenden Ergebnis, dass ich ab 1.11.93 in Köln Geschäftsführer wurde. Die POPKOMM selber ist 1995 nach Köln umgezogen. Wir haben 1995 dann den zweiten Sender gestartet und sind 2000 an die Börse gegangen.
Die weltgrößte Musikmesse POPKOMM gehört zu Ihren Kindern. Wie haben Sie die Messe zu dem gemacht, was sie heute ist?
Die POPKOMM war zwar früher kleiner, ging aber von Anfang an groß ins Thema rein. Wenn man über Kultur und Musik als Wirtschaftsfaktor spricht, dann tun dies normalerweise viele Leute an vielen verschiedenen Stellen. Die Independants und die Majors diskutieren darüber. Die Politik diskutiert eigentlich gar nicht darüber, die Wirtschaftspolitik nimmt es nicht wahr. Man musste irgendwas machen, wo alle mal zusammenkommen. Man hatte '88 den Eindruck, es könnte Berlin sein, weil dort die Berlin-Independance-Days liefen. Das wurde aber deshalb nicht angenommen, weil alle Englisch sprachen, auch die Veranstalter. Da ging's also eher darum, dass Berlin Kulturhauptstadt Europas ist und weniger Auffangbecken für den nationalen Musikmarkt. Es war nichts da und also mussten wir selber was machen. Wir fingen relativ klein an im soziokulturellen Zentrum in Düsseldorf, im ZACK. Aber es war hochqualitativ, weil alle großen Plattenfirmen da waren. Es war eine Startsituation, in der niemand so recht wusste, was er da sollte. Ab Köln verdoppelte sich alles. Das waren noch die guten Jahre. Und es wurde dann eines der wenigen Landesprojekte, das sich als Ganzes gerechnet hat.
Qualitativ kann man die PopKomm immer noch als weltgrößte Musikmesse bezeichnen.
Sie haben neben der POPKOMM auch VIVA gegründet. Wie verlief der Entstehungsprozess
des Senders genau?
Die Gründung von VIVA verlief recht unspektakulär. Ein Journalist, ein Produzent und ich saßen
während der POPKOMM in einem Kölner Restaurant und debattierten darüber, dass die Diskussion
"Popmusik im Fernsehen" am Vormittag mal wieder zu nichts geführt hatte. Was lief, waren die
Musiksendungen "Formel1" und "Rockpalast", und der einzige reine Musiksender war damals MTV-
Europe. Die ignorierten den Markt und spielten nur anglo-amerikanische Musik. Da kam unter uns die
Idee auf "Man müsste so was selber machen!". Und deshalb erweiterten wir unseren Kreis auf 5
Leute, wo dann auch ein Videoproduzent dabei war. Es waren also durchaus unterschiedliche
Interessenlagen vertreten. Die Videoproduktionsfirma Doro sagte: "Endlich können wir Videos
herstellen." Und dann wurden die Aufgaben verteilt, von Kreativität bis Investorenbeschaffung. Ich war
zuständig für Medienpolitik. Das plätscherte dann ab '92 kurze Zeit hin und her und kulminierte dann
in einem Joint-Venture aller Majors außer Bertelsmann. Die wollten zwar rein, forderten aber zu hohe
Prozentsätze, was Sony, EMI, Warner und Polygram wiederum nicht wollten. Dann waren sie zu viert
und haben noch einen deutschen Investor, Frank Otto, mit hereingenommen. Das ging dann zur
POPKOMM 1993 in die Endphase. Gespräche mit MTV wurden auch geführt, aber MTV wollte damals
kein deutsches Produkt machen. Von März bis September '93 war eine Bremsung im Projekt, wo alle
dachten, das gibt nie was. Die Presse hat unsere Gründungsankündigungen schon nicht mehr ernst
genommen, aber im Dezember '93 ging's dann los.
Was waren die Ziele, die mit der Gründung von VIVA erreicht werden sollten?
Das Ziel der Gesellschafter war auf jeden Fall, Vielfalt in den Markt zu bringen. Der Treibriemen der VIVA-Gründung war dieser monopolistische Zustand durch MTV.
Wollten Sie mit der Hilfe von VIVA auch die deutsche Musikszene und insbesondere den deutschen Musiknachwuchs fördern?
Ja, eines der Ziele war auch, deutschen Nachwuchs zu fördern. Aber das kann man nur schaffen, wenn der Sender erfolgreich ist. Wenn nicht diese Ahnung da gewesen wäre, dass sich hierzulande mittlerweile zwei Generationen von Menschen mit "normaler" deutscher Popmusik beschäftigt haben, dann hätte man nicht den Mut gehabt, diesen deutschen Weg einzuhalten. Die Zeit war einfach reif.
Es gab ja mal diese Versuche mit MusicBox. Daraus wurde dann Tele5, was völlig erfolglos war. MTV war in London und es hat keiner geguckt. Und ich vermute, dass es wenige Jahre später auch zu spät gewesen wäre, da MTV immer stärker wurde. Und genau an diesem Punkt kam VIVA. Die Zuschauer waren da und das Konsumverhalten passte. Als wir kamen, gab es 20 % deutsche Produkte im Markt, und mittlerweile sind wir auf europäischem Standard mit fast "fifty-fifty".
Das hat natürlich mit der freiwilligen Deutsch-Quote des Senders zu tun, wo natürlich zu Beginn hämisch gefragt wurde, was wollt ihr denn eigentlich an deutscher Musik spielen? Der Wille sei ja gut, hieß es. Wir vertraten die simple These "Wo Breite ist, entsteht auch Spitze!". Und man kann sehr schön anhand der zunehmenden Kreativität der Videoclips sehen, was sich da an Eigenständigkeit in Deutschland entwickelt hat. Das habe ich auch bereits der Politik in Berlin vorgestellt.
Sind Ihrer Ansicht nach diese Ziele erreicht worden?
Gefördert haben wir die deutsche Musikszene, weil die Musik an die Leute kam, die sie dann auch gekauft haben. An der Musikschule ist es auch so, dass beim Vorspiel von hundert Geigern die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass zwei gute dabei sind. Genauso ist das bei Videoclips. Wenn man jede Woche zehn Musikclips aufnehmen kann, und früher gab es das gar nicht, dann entsteht natürlich ein riesiger Run. Wenn man dann die ersten Videos von "Lucilectric" und den "Ärzten" sieht, die niemand außer uns gespielt hat und die trotzdem in die Charts kamen, dann sieht man, dass eine Entwicklung stattgefunden hat. Und dann gab's Mitte der 90er Jahre die ganze Frankfurter Szene, also "3p", Sabrina Setlur. Da kam dann Kreativität und Eigenständigkeit zum Vorschein - das alles nur durch Abnehmer und das Entstehen einer mittelständischen Produktionskapazität. Im Sinne der kulturellen Vielfalt bedient man sich hier einfach der Quotenregelung nach französischem Vorbild. Mehr Vielfalt schafft mehr Mittelstand, mehr Abnehmer und mehr gute Musik. Die wirtschaftliche Wertschöpfung stimmt einfach. Ich denke, dass der ganze deutsche HipHop, der in den 90ern startete, ohne den Sender gar nicht oder erst verspätet möglich geworden wäre.
Wie ist heute das Verhältnis zu MTV? Was unterscheidet VIVA von der Konkurrenz?
Heute unterscheidet uns von MTV nicht mehr so viel. Damals unterschied uns die Tatsache, dass wir glaubten, Musikfernsehen habe etwas mit Fernsehen zu tun und Fernsehen ist immer nationales Angebot, abgesehen von kleineren Synchronisationen. Und MTV sagte, Musikfernsehen hat mit dem Musikmarkt zu tun und der hat immer ein internationales, also anglo-amerikanisches Angebot. Unser Konzept hat sich durchgesetzt und überall wo wir oder MTV senden, wird mit sogenannten "domestic services" in Landessprache gesendet. Das ist insofern zur Ähnlichkeit geworden. Ansonsten ist MTV erheblich weiter entwickelt als wir, da es überall auf der Welt vertreten ist, während wir erst angefangen haben, das Thema überall zu realisieren. Während wir 2000 erst anfingen, blickt MTV auf eine 20jährige Geschichte zurück und ist deshalb natürlich professioneller, profitabler und beliebter. Wir waren zu Anfang gar nicht so gewinnorientiert und wären nur einfach froh gewesen, hätten wir kein Geld verloren. Dass daraus eine Marktführerschaft und das diesjährige zehnjährige Jubiläum werden würden, hat man so nicht vorausgesehen.
Ansonsten stellt man immer wieder fest, dass, obwohl MTV so viel weiter ist, wir uns bei jedem Schritt beobachtet fühlen. Oft stellen wir verdutzt oder halb stolz fest, dass die uns richtig ernst nehmen, was ja schon mal was wert ist. Die deutsche Sprache hat MTV 1998 von VIVA übernommen, dann wurden die Formate angeglichen und deutsche Musiker bekamen ihren Raum bei MTV gewährt. Es wurde geschaut, womit wir erfolgreich waren, und das wurde übernommen.
Musikfernsehen ist immer Tagesverlaufsfernsehen. Es ist immer stark, wenn die Schule vorbei ist oder nachmittags die Freizeit beginnt und wird immer schwächer, wenn das richtige Fernsehprogramm anfängt. Kernzeit ist also von 14.00 bis 18.00 oder 19.00 Uhr. Davor und danach werden die Zuschauer weniger. Wir sind von der Marken- und Farbgebung frischer, jugendlicher und mehr auf Party aus, während MTV eher düsterer, kühler und distanzierter wirkt. Dazwischen pendeln dann die Neigungen der Generationen, was Musikfernsehen sicher auch zu einem zyklischen Geschäft macht. Als wir kamen, wurden wir geschaut, weil wir frisch, neu und nicht etabliert waren. Jetzt gehen Jugendliche wieder zu MTV, weil es über vier Jahre fast nicht existent war und jetzt als frisch und neu aufgenommen wird. Die Kunst ist es jetzt, nicht vier Jahre verschwinden zu müssen, um wieder als frisch und unetabliert zu gelten.
Das Interessante ist, dass MTV Marktführer ist, aber VIVA keine Zuschauer verliert. Das heißt, der Markt wird immer größer. Wir stellen das gerade an unserem neuen Programm fest. Wir werden 40% größer, MTV wird aber auch größer. Eine verblüffende Sache. Da setzt weniger die Programmstruktur an, sondern das ist eine Verbindung aus Marke und Programm. Man muss herausfinden, warum das für die Jugend nicht die primäre Einstiegsdroge ist, sondern die sekundäre? Das hat weniger mit der musikalischen Qualität zu tun. Das ist auch ganz normal bei einem 10 Jahre alten Medium, diesen zyklenartigen Ausschlag zu haben. Es ist nun die Kunst des Managements, bei möglichst wenig Amplitude die Kurven ganz oben zu halten.
Wie sehen Sie sich im Vergleich zum französischen Musikfernsehen?
Die Franzosen machen natürlich eine rein französische Sache. Wir sind zwar ein deutscher Sender, aber die Formate sind anglo-amerikanisch und das Geschäft ist anglo-amerikanisch. Wenn man aus der eigenen Suppe heraus kommen will, braucht man eine solche Struktur, um gegen MTV antreten zu können. Das kann man nicht mit dieser französischen Struktur, was nicht heißt, dass die erfolglos sein muss. Die Ausrichtung ist eben nicht international, da sie auf einen nationalen Markt ausgerichtet ist. Wir haben zwar die deutsche Sprache eingebracht, sind aber mit der Denke, alleine schon wegen der amerikanischen Gesellschafter, anglo-amerikanisch ausgerichtet.
Wie sehen heute das Programm und die Zuschauer von VIVA aus?
Unser Publikum sind die 14 bis 29jährigen, für die wir ein "Jung-sein-Produkt" anfertigen. Die werbetreibende Industrie erwartet, dass das im Zweifelsfall jünger ist als irgendetwas anderes. Musikfernsehen darf nie Kinderfernsehen sein, aber transportiert diese unendliche Juvenilität. Und da ist man wieder bei der Farbzusammenstellung, die den Älteren sagen soll "So fühlt sich die Jugend!" und den Jüngeren sagt "Die Älteren haben keine Ahnung, ich bin jugendlich!". Das ist eine ganz ulkige Mischung. Bei den über 20jährigen sind wir deshalb auch gut vertreten, weil die sagen "Das ist das reale Abziehbild der Jugend!", während die 14-15jährigen sagen: "Nööö!". Das ist ein recht sportiver Kampf. Dass wir seit einem Jahr nicht mehr Marktführer sind, ist kein Zusammenbruch des Geschäfts, da wir keine Zuschauer verloren haben. Aber es ist aus Geschäftsführersicht eine inakzeptable Situation auf Dauer. Als wir mit 20 Mann in einem Container anfingen, war MTV in einer ähnlichen Situation, wie wir es waren: unschlagbarer Marktführer. Und wir haben sie trotzdem angegriffen. Da hat keiner mit gerechnet, dass wir mal selber sagen würden: "Born to be Marktführer!". Und dann auf einmal: "Huch, wir sind ja gar nicht mehr vorne!". Das muss man erst mal in die Köpfe kriegen.
Der Fehler, den MTV begangen hat, war ja, dass es uns nicht ernst genommen, ja nicht mal wahrgenommen hat.
Warum haben Sie Ihr Programm kürzlich umgebaut?
Die Einstiegsjugend ist anders. Wir schauen den Jugendlichen aufs Maul und in die Ohren, um zu sehen, was sie denn eigentlich wollen. Die sozialen Bedürfnisse der jungen Leute bleiben immer gleich. Was sich allerdings ändert, ist die gesamtgesellschaftlich-technologische Situation und damit die Art des Medienkonsums. Mit Internet und Handy ändert sich das Konsumverhalten und der Blick auf das Produkt. Dem müssen wir nachkommen. Die technologischen Gewohnheiten bringen eine neue Ästhetik.
Wie sieht die Zusammenarbeit von VIVA mit der Musikindustrie aus?
Durch das Abführen eines Teils unserer Werbeeinnahmen erhalten wir das Recht einer freien
Musikauswahl durch unsere Redaktion. Bei zehn neuen Songs pro Woche sind einige "musts" dabei,
deshalb reduziert sich der Anteil wirklich neuer Künstler. Oft gibt es den Irrglauben, jeder Schrott
werde von Publikum automatisch akzeptiert, aber genau das ist ja nicht so.
Haben Sie es schon geschafft, ein Lied gezielt mit der Hilfe von VIVA auf Platz 1 der deutschen Hitliste zu heben?
Ja, als wir mit VIVA anfingen, sagte die Industrie: "Hey, die verkaufen ja!". "Mädchen" von "Lucilectric" oder das zweite Revival der "Ärzte" hat keiner gespielt. Einige Titel hat anfangs nur VIVA gespielt, und die sind trotzdem in die Charts gekommen. Unsere Trefferquote ist allgemein sehr hoch. 95% unserer redaktionellen Entscheidungen charten. Das Ganze ist aber eine Dauerdiskussion mit der Industrie. Lässt man Titel länger im Programm, kann man weniger neue aufnehmen. Nimmt man schneller neue auf, können die Titel sich nicht richtig entwickeln. Bei Musikfernsehsendern wird die Musik noch handverlesen. Bei uns ist die Eindringungsmöglichkeit für Neues daher größer als bei Radiosendern. Die stellen ihre Programme mittlerweile vor allem mit Computerhilfe und durch Marktforschung zusammen.
AOL Time Warner ist Hauptanteilseigner der VIVA Media AG. Spielen Sie im VIVA-Prgramm hauptsächlich Musik von Warner Music?
Nein, das wäre der Tod für uns. Wir sind ja werbe- und nicht play-finanziert. Da der Videoclip als Lizenzprodukt nach Abgeltung der Pauschalsätze frei verfügbar ist, hat die Musikindustrie immer die Meinung vertreten, wir sollten einen Clip so oft wie möglich spielen. Noch nie hat ein Gesellschafter gesagt: "Du musst das spielen!". Allerdings hat auch noch nie einer gesagt: "Ich bin Gesellschafter, also unterstütze ich mein Medium mit Werbung!". Hätte die Musikindustrie bei VIVA 2 anteilig ebenso Werbezeit gebucht wie bei VIVA, wäre der Sender profitabel gewesen.
Diese Interessenverknüpfung macht aber auch keinen Sinn, da man nur mit einem erfolgreichen Programm Werbung bekommt. Und das ist nicht davon abhängig, bei welcher Plattenfirma der Künstler ist. Man hätte es allerdings ganz anders drehen können wie beispielsweise beim Spielfilmsender Premiere. Es wäre konsequent gewesen, die eigenen Clips nur einem Sender anzubieten. Aber als Musikfirma von einem Sender zu fordern, nur die eigenen Clips zu spielen, läuft auf Eigenschädigung hinaus. Selbst mehrere Versuche großer Künstler in dieser Richtung sind ohne Folgen geblieben.
Wir sind also nur abhängig von unserer wirtschaftlichen Leistung. Und dafür müssen wir ein gutes Programm machen. Die Gesellschafter haben zwar auch ein strategisches Interesse, aber in erster Linie wollen sie Geld verdienen. Spätestens hier kommt man als Manager in die Falle, Verluste vorweisen zu müssen, aber zu sagen: "Ich habe doch gespielt was ihr wolltet".
Überspitzt dargestellt ist es denen vollkommen egal, ob wir Cartoons oder Videoclips senden.
Feiner ausgedrückt handelt es sich um ein Medieninvestment, das sich rechnen muss und bei dem im Sinne des Pluralismus für die gesamte Industrie strategische Vorteile anfallen sollen. Hauptsache aber ist, wir sind profitabel, sonst können wir nicht weitermachen.
Momentan wird überlegt, deutsche Medien mittels Quotenregelungen zu verpflichten, mehr neue oder mehr deutsche Musik zu spielen. Was halten Sie von solchen Quoten?
Wir sind ja seit zehn Jahren die einzigen, die das machen, und zwar sehr erfolgreich. Wir haben für deutsche Produkte eine Quote von etwa 40 % - das entspricht exakt dem Marktanteil.
Warum ist Ihr Unternehmen jetzt auch im Ausland aktiv?
Das war eine Wachstumsentscheidung. Wir haben gemerkt, dass wir mit einem deutschen Programm in anderen Ländern, z.B. Polen, sehr erfolgreich waren. Daher macht es Sinn, zu versuchen, auch in anderen Ländern wirtschaftlich zu wachsen, ganz abgesehen davon, wer in einem bestimmten Land Marktführer ist.
Das Musikfernsehen mit einem sehr limitierten Produkt kann erst wachsen, wenn es sein Produkt vollkommen verändert. Wachstum ist also nur über Expansion oder Diversifikation möglich. So sind wir jetzt in Polen, Ungarn, Holland und der Schweiz und haben auch schon Programmfenster in schwierigen Märkten wie Litauen, Bulgarien und China. Dort kann man zwar nicht einfach einen Sender kaufen, aber die Märkte penetrieren, um sich bekannter zu machen und dann zu entscheiden, ob es sich lohnt oder nicht. Das läuft meistens in Kooperation mit öffentlich-rechtlichen Sendern.
War es schwierig, in Polen, Ungarn und Litauen Fuß zu fassen?
Eigentlich nicht! In Polen haben wir das Management und die Musik nach zwei Jahren komplett geändert und sind mit großem Abstand Marktführer, ebenso in Ungarn. Auch in der Schweiz ist das so, obwohl dort noch MTV Deutschland reinstrahlt. In Holland haben wir die Nummer 3 des Marktes aufgekauft. In diesen Ländern sind wir frisch, in Deutschland schon zehn Jahre alt. Da gibt es vollkommen unterschiedliche Problementwicklungen, selbst wenn diese Märkte auch von der wirtschaftlichen Situation der letzten zwei Jahre betroffen sind.
In diesen Ländern stimmen die Produkte. In Deutschland auch - in Hinsicht auf die große Stabilität - aber vielleicht nicht bezogen auf die Marktführerschaft. Hier haben wir das Doppelproblem der Wirtschaftsflaute und der Innovationen im weitesten Sinn. Alles, was in Deutschland erfolgreich läuft, sind amerikanische, synchronisierte oder eingedeutschte Formate, deren Ideen aus Amerika kommen.
Positiv für uns ist nur, dass MTV Deutschland dieses Problem auch nicht stemmt. Negativ für uns ist allerdings, dass wir es stemmen müssen. Das Problem der fehlenden deutschen Innovationen müssen wir selbst lösen.
Welche Besonderheiten weisen die ausländischen TV- und Musikmärkte auf? Wie spiegeln sich die Besonderheiten in den dortigen Programmen wider?
Wir waren zum Glück darauf trainiert, den Kids die Musik zu geben, die sie wollen, und dann die Mischung zu nehmen, die sie wollen. Wir müssen den nationalen Ansatz in diesen Ländern weiterentwickeln. Dabei dauert es natürlich, die richtige Mischung zu finden zwischen dem, was aus Kostengründen aus Köln kommen muss, und dem, was in den Ländern aus Identitätsgründen gemacht werden muss. Gerade die osteuropäischen Länder haben andere Präferenzen. Nach dem Mauerfall haben diese Länder eine ganz eigene Entwicklung durchgemacht. Die Kunst ist, diese Unterschiede so einzubinden, dass die Zuschauer das Gefühl haben, sich wiederzuerkennen.
Die Deutschsprachigen und Deutschstämmigen in Osteuropa sind an deutschen Medienangeboten und Produkten immer besonders interessiert. Kooperieren sie bereits mit deutschsprachigen Medien im Ausland, um diese mehrere Millionen Personen umfassende Zielgruppe zu erreichen?
Wir kooperieren ganz normal mit Medien in der Landessprache, doch die sind eben meist polnisch, ungarisch usw..
Warum produzieren Sie einen Teil der Programme, die im Ausland ausgestrahlt werden, in Köln?
Die Länder haben unterschiedliche Standortvor- und -nachteile. In kleinen Ländern kommen z.B. die großen internationalen Topstars nicht in die lokalen Studios zu Interviews. Für alle europäischen Töchter werden solche Sachen zentral in Köln gemacht und dann zur Übernahme angeboten. Dafür kommen schon mal Redakteure aus Warschau nach Köln. Dabei setzen alle Musikfernsehsender auf den Network-Gedanken. Das bietet mehr Schlagkraft und Schnelligkeit und macht uns auf europäischer Ebene für Werbetreibende interessant.
Ist in ausländischen Programmen auch deutsche und deutschsprachige Musik zu hören?
Sendungsbewusstsein oder ein Exportkonzept spielen hier keine Rolle. Als polnischer Medienanbieter will ich zuerst der polnischen Musik weiterhelfen. Alles was sich von hier nach dort exportiert, ist natürlich o.k. Der Maßstab aber ist, dass das Musikfernsehen den Menschen dort gefällt.
Ist Ihrer Erfahrung nach deutsche Musik im Ausland gefragt?
In manchen Ländern durchaus, aber in Europa mit seinen vielen unterschiedlichen Muttersprachen sind die nationalen Musikprodukte selten Exportknaller. Das ist auch nicht schlimm. Herbert Grönemeyer hat vor Jahren in Kanada versucht, auf Englisch aufzutreten, war aber nicht erfolgreich.
Wie kann Ihrer Meinung nach deutschsprachige Musik im Ausland besser gefördert werden?
Einerseits muss sie die Emotionalität der Leute besser treffen. Andererseits sind die ausländischen Märkte weit abgeschotteter als wir denken. Die meisten anderen Länder unternehmen staatlicherseits viel mehr für das Exportieren von Musik. Das ist in Deutschland unterentwickelt. Diese strukturellen Maßnahmen täuschen aber nur darüber hinweg, dass nationale Musik eben ein nur bedingt wichtiger Exportartikel ist. In der Musik ist es leichter als im Film, gegen Hürden anzugehen. Das kann schrittweise zum Erfolg führen. In den Konzernen sind die Strukturen ja vorhanden. Ein deutscher Künstler bei Universal könnte ja genauso gut auch in Amerika erhältlich sein. Das Einbahnstraßen-Denken findet sich in den Konzernzentralen. Dass deutsche Musik aus dem Independant-Bereich im Ausland durchaus auf Akzeptanz trifft, kümmert in Deutschland kulturpolitisch niemanden. Das hat mit der Vergangenheitsentwicklung zu tun. Nationale Musik und nationale Kulturgüter zu stützen, ist z.B. in Frankreich vollkommen normal.
Soll man im Ausland merken, dass hinter den dortigen Programmen ein deutscher Sender steht, oder wollen sie das eher vermeiden?
Die Sender gehören einer deutschen Firma, es sind aber trotzdem polnische usw. Sender. Wen interessiert, wem heute RTL oder Pro7 gehören? Das interessiert die Leute nicht!
Der Zuschauer geht ins Programm und findet es gut oder nicht.
Hat man Sie im östlichen Ausland als deutschen Investor immer herzlich empfangen oder wurden Sie als Investor aus Deutschland bzw. Westeuropa misstrauisch beäugt?
Wir wurden gut empfangen. Wir gehen auch mit der nötigen Sensibilität an die Sache heran. In Polen haben sie gesagt: "Ah, ihr Name ist interessant! Wo kommen sie denn her?" Mein Vater kommt aus Pommern (heute vorwiegend polnisch). Darauf haben die Leute immer sehr offen reagiert. Das ist natürlich eine Frage der Einstellung. Wenn sie in Osteuropa den Teutonen spielen, haben sie sehr schnell ein Problem. Aber das ist in jedem Markt so. Bevor man in einen neuen Markt eintritt, muss man sich orientieren, die Rahmenbedingungen erkunden und einfach ein Gefühl dafür entwickeln, was man tun sollte und was nicht. Also eher etwas länger warten.
Für uns war es kein Problem, von den polnischen Behörden eine Lizenz zum Einstrahlen ins Kabelnetz zu erhalten. Mit der Angleichung an europäisches Medienrecht ändert sich auch der gesamte osteuropäische Musikmarkt. Momentan ist Osteuropa urheberrechtlich noch unterentwickelt.
Wie kommunizieren Sie innerhalb Ihres Firmennetzes?
Die Sprache im Aufsichtsrat ist immer Englisch. Mit den einzelnen Töchtern in den verschiedenen Ländern sprechen wir aber auch Deutsch.
Planen Sie derzeit weitere Auslandsprojekte?
Wir sind durch die Wirtschaftskrise etwas zurückgeworfen worden. Im Moment reden wir in England, Italien und Frankreich, müssen aber erst die deutsche Situation stabilisieren. Die Börseneuphorie ist vorbei, Profitabilität statt Wachstum oberstes Ziel. Wir sind mit Expansionsschritten viel vorsichtiger, denken aber trotzdem ständig darüber nach.
Vielen Dank für das Gespräch!
(c) 2003 Deutsches Musik-Exportbüro
Die Verwendung des Interview-Textes ohne Erlaubnis des Deutschen Musik-Exportbüros ist nicht gestattet.
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| REINHARD MEY |  | |
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